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Eine Festschrift für Cornelia Helfferich – Würdigung und Nachruf


Cornelia Helfferich – Die Wissenschaftlerin

Möchte man über Cornelia Helfferichs wissenschaftliches Wirken schreiben, so steht man schnell vor der Schwierigkeit, mit einer der vielen wissenschaftlichen Leistungen beginnen zu müssen. Wir möchten jedoch, ähnlich wie im Sammelband selbst, mit den empirischen Zugängen zum Gegenstand beginnen, da Cornelia Helfferich in ihrer jahrzehntelangen wissenschaftlichen Tätigkeit stets zwei Leidenschaften vereinen konnte, was bereits Trutz von Trotha 2007 feststellte, als er konstatierte „dass sie ein Forschungsprogramm durchführt, das nichts von dem Gegeneinandersetzen von quantitativer und qualitativer Forschung hält, und in dem die Liebe der Mathematikerin für das Nummerische sich mit der feinfühligen, differenzierten und genauen Beobachtungsgabe der Ethnographin verbindet“ (von Trotha 2007: 406).
Diese zwei Leidenschaften zeichneten sich bereits in der Zeit des Studiums ab, wo Cornelia Helfferich neben Soziologie und Mathematik, auch Philosophie und Ethnologie in Göttingen und Freiburg studiert hat. Sie wurde 1990 von Jürgen von Troschke am Freiburger Lehrstuhl für Medizinsoziologie promoviert. Diese auch heute noch lesenswerte Arbeit wurde 1994 unter dem Titel „Jugend, Körper und Geschlecht. Die Suche nach sexueller Identität“ veröffentlicht.
Hierin machte Cornelia Helfferich die kulturellen Körperpraktiken von jugendlichen Mädchen und Jungen zum Thema: „In den kulturellen Körperpraktiken – das ist die zentrale These – verarbeiten Jugendliche die Probleme ihres sexuellen Heranwachsens in unserer heutigen Gesellschaft. Die Praktiken sind ‚imaginäre Lösungen‘ der kollektiven Probleme von Mädchen bzw. Jungen auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität“ (Helfferich 1994: 9). Die Aktualität dieser Thematik für Jugendliche arbeitet Monika Götsch in ihrem Beitrag für den vorliegenden Sammelband heraus. Auch im Beitrag von Daniel Gredig, Sibylle Nideröst und Anne Parpan-Blaser wird die Bedeutung somatischer Kulturen im HIV-Schutzverhalten von Männern aufgegriffen.
Ausgehend von dieser Dissertation, die Trutz von Trotha als „eindrucksvoll“ (von Trotha 2007: 406) einordnete, „begann sie ein Forschungsprogramm zu entwickeln und zu verfolgen, das theoretisch wie methodisch ungewöhnlich innovativ und ehrgeizig ist und durch seine reiche empirische Forschung mit den Jahren zu einer wunderbaren Entdeckungsreise in die Wirklichkeiten und Welten der Beziehungen der Geschlechter geworden ist“ (von Trotha, 2007: 406).
1995 wurde sie als Professorin für Soziologie an die Evangelische Hochschule Freiburg berufen, wo sie bis 2017 nicht nur lehrte, sondern auch neun Jahre das Prorektorat begleitete und in dieser Funktion die Studienprüfungsreform der EH entwarf und umsetzte. Danach war sie für vier Jahre Dekanin des Fachbereichs „Management, Bildung und Organisation“ und konzeptualisierte den forschungsorientierten Masterstudiengang Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Freiburg, den sie seit Einführung 2007 bis einschließlich 2015 als Studiengangsleitung begleitete. Bis zu ihrer Emeritierung Ende 2016 lehrte Cornelia Helfferich eine Vielzahl von Studierenden an der Evangelischen Hochschule Freiburg, vor allem in der Ausbildung qualitativer Forschungsmethoden hinterließ sie bei Studierenden einen großen Eindruck.
2007 wurde Cornelia Helfferich für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der Familien- und Geschlechterforschung der Helge-Pross-Preis der Universität Siegen verliehen (ihre Vorlesung zur Preisverleihung: Helfferich 2010). Am 1. Juli 2013 wurde sie an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg mit der Venia im Fach Soziologie habilitiert. Ihre Habilitationsschrift „Geschlechterbeziehungen im Lebenslauf: Von der ersten Liebe bis zum letzten Kind. Grundlegung einer Soziologie der Familienplanung“ wurde in Teilen im Buch „Familie und Geschlecht“ (2017) veröffentlicht, in der u.a. empirische Daten aus der jahrelangen Arbeit von SoFFI F. verarbeitet und geordnet werden. In der Arbeit kulminieren untrennbar ein jahrelanger Forschungsprozess in den verschiedenen Phasen des Projekts „frauen leben“ und die synchron vollzogene stetige Weiterentwicklung von Forschungsmethoden, insbesondere qualitativer. Ihr Programm wird hierbei in der Ankündigung des 2017 erschienen Buchs zusammengefasst: „Die geschlechterbezogen konservative Familiensoziologie wird mit diesem Buch endlich auf den Kopf gestellt und um eine grundlegende Perspektive erweitert“ (Helfferich 2017).
Auf der Grundlage ihrer anwendungsbezogenen empirischen Forschungsprojekte hat Cornelia Helfferich Forschungsmethoden stetig weiterentwickelt. Hier ist zum einen das Lehrbuch „Die Qualität qualitativer Daten“ (2011) hervorzuheben, in dem sie ein Manual zur Vorbereitung und Durchführung qualitativer Einzelinterviews vorgelegt hat, das nicht nur Studierenden eine praxisnahe Stütze in der Erstellung von Leitfäden und Durchführung von Interviews sein kann. Gabriele Lucius-Hoene setzt sich in ihrem Beitrag im vorliegenden Band diesbezüglich besonders mit den Positionierungen zu Beginn eines Interviews auseinander.
Auch hinsichtlich der qualitativen Auswertung von Interviewmaterial hat Cornelia Helfferich Weiterentwicklungen geleistet. Von Bedeutung vor allem für die Arbeit in verschiedenen Projekten ist hierbei die Agency-Analyse. Aufbauend u.a. auf den Ausführungen von Gabriele Lucius-Hoene und Arnulf Deppermann zur „Rekonstruktion narrativer Identität“ (2002) hat Cornelia Helfferich die rekonstruktive Agency-Analyse im Anschluss an wissenssoziologisch und phänomenologisch begründete Methodologie, vor allem in Anlehnung an Schütz und Luckmann (2003) weiterentwickelt. Der qualitativ-rekonstruktive Ansatz ermöglicht im Rahmen einer mikrosprachlichen Analyse „eine Rekonstruktion sowohl der Bedeutung, die den individuell erfahrenen Formen der Handlungsmächtigkeit in ihrer sprachlichen Vermittlung gegeben wird, wie auch der subjektiven Theorien über Verkettungen und Wirkungszusammenhänge in dieser Welt. Nicht die zurückliegenden Erfahrungen im Sinne von ‚wahren‘ Erfahrungen, so wie sie ‚wirklich‘ stattgefunden haben mögen, sind dabei der Referenzpunkt, sondern die Bearbeitungen und kollektiven Deutungen dieser Erfahrungen gehen in das Wissen ein“ (Helfferich 2019: 53). Heiko Löwenstein leistet in seinem Beitrag einen Überblick über aktuelle Diskussionen im Hinblick auf die Analyse von Agency und greift auch hier Cornelia Helfferichs Leistungen auf.
Auch nach ihrer Emeritierung Ende 2016 leitete sie das SoFFI F. noch weiter und führte mit ihren Teams Forschungsprojekte durch. 

Den vollständigen Text können Sie hier lesen.

Bei dem Text handelt es sich um das Manuskript der Einleitung zu einem Sammelband mit dem Titel „Beiträge zur Forschung zu Geschlechterbeziehungen, Gewalt und privaten Lebensformen.  Disziplinäres, Interdisziplinäres und Essays“, herausgegeben von Daniel Doll, Barbara Kavemann, Bianca Nagel und Adrian Etzel, das im ersten Quartal 2022 im Verlag Barbara Budrich erscheinen wird. Der Sammelband ist eine Festschrift für Cornelia Helfferich.

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Leitung: Prof.in Dr.in habil. Cornelia Helfferich

Das Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen | FIVE Freiburg (SoFFI F.) ist Teil des Forschungs- und Innovationsverbundes (FIVE) an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Gegründet wurde das Institut 1996 von Prof.in Dr.in habil. Cornelia Helfferich und steht seitdem für unabhängige Familien- und Geschlechterforschung. Das Institut fokussiert sich auf anwendungsbezogene, empirische Forschung.
Neben dem Hauptsitz in Freiburg unterhält das Institut eine Außenstelle in Berlin.

 

Aufgaben und Ziele

Die Forschung steht in der sich weiter entwickelnden Tradition der Frauen- und Geschlechterforschung und untersucht die Lebenssituation von Frauen und Männern sowie die Beziehungen zwischen den Geschlechtern.
Themen der Forschung sind Lebenslagen, Lebensläufe und subjektive Sichtweisen ebenso wie das professionelle Selbstverständnis in umrissenen Feldern Sozialer Arbeit unter Geschlechterperspektive (Schwerpunkte sind u.a. Familie, benachteiligte Jugend, Geschlechterbeziehungen und unterschiedliche Phänomene von Gewalterleben und Bewältigung).
Ziel ist es, einen Beitrag zu mehr Geschlechtergerechtigkeit über eine Verbreitung und Verbesserung von geschlechtersensiblen Konzepten der Sozialen Arbeit zu leisten.

Ein weiteres Ziel ist die Weiterentwicklung der Qualität von qualitativen Forschungsmethoden und von Methodenkombinationen. Hier arbeitet SoFFI F. eng mit dem Institut für qualitative Forschung (iqs) in Freiburg zusammen.

Die Forschung wird aus Drittmitteln finanziert. Wichtige Auftraggeber und -geberinnen sind die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie Länderministerien, Stiftungen und weitere Einrichtungen der Forschungsförderung.

 

Kontakt

Sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen |
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Fax: +49-(0)761 - 47 812 699
mail: soffi[at]eh-freiburg.de
 

SoFFI F. | Büro Berlin
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Tel. +49-(0)30 - 37 30 5636
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Interesse an Forschungshospitationen / Praktika
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